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Doomscrolling: Was es ist, warum es uns gefangen hält – und wie du aufhörst

Herwart Wermescher 9. September 2024 5 Min. Lesezeit
Doomscrolling: Was es ist, warum es uns gefangen hält – und wie du aufhörst

Doomscrolling ist das zwanghafte, endlose Scrollen durch schlechte Nachrichten – obwohl es uns schlechter gehen lässt. Je düsterer die Schlagzeilen, desto schwerer fällt das Aufhören. Warum unser Gehirn da mitspielt, was das mit uns anrichtet und wie du wieder aussteigst – der Reihe nach.

Was ist Doomscrolling?

Der Begriff setzt sich aus dem englischen doom (Verhängnis, Untergang) und scrolling zusammen – sinngemäß: sich durch den Untergang scrollen. Gemeint ist das anhaltende Konsumieren überwiegend negativer Nachrichten in Newsfeeds und sozialen Medien. Man liest weiter und weiter, obwohl die Inhalte Angst, Ohnmacht oder Wut auslösen. Synonym fällt auch der Begriff Doomsurfing.

Populär wurde das Wort 2020 während der Corona-Pandemie, als viele Menschen pausenlos Krisenmeldungen verfolgten. Englischsprachige Wörterbücher wie Merriam-Webster nahmen es kurz darauf in ihre Beobachtungsliste neuer Begriffe auf. Doomscrolling ist also keine medizinische Diagnose, sondern die Beschreibung eines Verhaltensmusters – eines, das fast jeder kennt, der ein Smartphone besitzt.

Warum wir nicht aufhören können

Dass wir am dunklen Feed kleben bleiben, ist kein Zeichen von Schwäche. Zwei Mechanismen arbeiten gegen uns.

Der Negativitäts-Bias. Unser Gehirn behandelt schlechte Nachrichten als wichtiger als gute. Evolutionär ergab das Sinn: Wer eine Gefahr übersah, zahlte einen höheren Preis als jemand, der eine gute Gelegenheit verpasste. Die Psychologie fasst das in der bekannten Formel „Bad is stronger than good” (Baumeister und Kollegen, 2001) – Negatives wirkt stärker und zieht mehr Aufmerksamkeit. Im Newsfeed heißt das: Die alarmierende Schlagzeile gewinnt fast immer gegen die beruhigende.

Die variable Belohnung. Ein endloser Feed funktioniert wie ein Spielautomat. Beim nächsten Wisch könnte etwas Wichtiges kommen – meistens kommt es nicht, aber die Ungewissheit hält uns bei der Stange. Dieses Prinzip der unregelmäßigen Belohnung hat schon der Psychologe B. F. Skinner beschrieben; es ist der wirksamste Weg, ein Verhalten am Laufen zu halten. „Infinite Scroll” ohne Seitenende ist genau darauf gebaut. Jeder kurze Treffer setzt ein bisschen Dopamin frei – und schon wischen wir weiter.

Negativitäts-Bias und variable Belohnung zusammen ergeben eine Schleife, aus der man nicht von selbst herausfindet. Das Design will, dass du bleibst.

Was Doomscrolling mit dir macht

Kurzfristig fühlt es sich an, als täte man etwas – man „bleibt informiert”. Tatsächlich häuft sich vor allem eines an: das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen ist und man selbst nichts ausrichten kann. Aus dieser Mischung aus Dauer-Alarm und Ohnmacht entstehen Anspannung, Gereiztheit und ein erhöhtes Stresslevel.

Besonders heikel sind die Stunden vor dem Schlaf. Das Handy hält uns mit aufwühlenden Inhalten wach, und das Display-Licht erschwert das Einschlafen zusätzlich. Wer abends im Bett doomscrollt, schläft später ein und schlechter – und ist am nächsten Tag anfälliger für genau das Verhalten, das ihn müde gemacht hat.

Die gute Nachricht: Diese Effekte sind keine bleibenden Schäden, sondern Reaktionen auf eine Gewohnheit. Sie lassen sich umkehren – nicht über Nacht, aber zuverlässig, wenn man die Schleife unterbricht.

Ein Abend, wie ihn viele kennen

Du willst eigentlich nur kurz vor dem Schlafengehen aufs Handy schauen. Eine Schlagzeile über eine Krise irgendwo auf der Welt. Du tippst sie an, liest, wischst zur nächsten. Ein Kommentar macht wütend, das nächste Video zeigt etwas noch Schlimmeres. Vierzig Minuten später liegst du immer noch da, das Herz schlägt etwas schneller, und an Schlaf ist erst recht nicht zu denken. Informierter fühlst du dich nicht – nur fertiger. Genau das ist Doomscrolling.

Wie du Doomscrolling stoppst: sieben Wege

Es geht nicht darum, Nachrichten auszublenden. Es geht darum, dem Endlos-Feed die Macht zu nehmen. Sieben Ansätze, die wirklich helfen:

  1. Feste Nachrichten-Zeiten statt Dauer-Feed. Lies bewusst ein- oder zweimal am Tag für eine begrenzte Zeit – statt den ganzen Tag häppchenweise. Was wichtig ist, erreicht dich auch so.
  2. Das Handy außer Sichtweite – besonders nachts. Schon die bloße Anwesenheit des Geräts bindet Aufmerksamkeit. Lädt das Handy in einem anderen Raum, fällt der erste und der letzte Griff des Tages weg. Mehr dazu in Digitale Demenz: Was wirklich dran ist.
  3. Push-Benachrichtigungen für News und Social Media abschalten. Jede Meldung ist eine Einladung zurück in die Schleife. Ohne Push entscheidest du, wann du schaust – nicht der Algorithmus.
  4. Quellen bewusst kuratieren. Folge wenigen, verlässlichen Quellen statt dich vom Empfehlungs-Feed treiben zu lassen. Eine gute Tageszeitung am Morgen informiert besser als hundert Krisen-Clips am Abend.
  5. Eine Ersatzhandlung bereitlegen. Der Griff zum Handy ist oft Reflex. Leg dir etwas hin, das ihn ersetzt – ein Buch auf dem Nachttisch, die Laufschuhe an der Tür.
  6. App-Limits und Graustufen nutzen. Zeitlimits für Social Apps und ein Schwarz-Weiß-Bildschirm nehmen dem Feed einen Teil seiner Sogwirkung.
  7. Das Gegenteil üben. Manche nennen es „Hopescrolling”: bewusst auch Aufbauendes und Lösungen lesen. Noch wichtiger ist aber, das Scrollen selbst zu begrenzen – weniger und bewusster schlägt mehr und positiver.

Wenn du das größer angehen willst, hilft ein Blick auf das Ganze: Was ist Digital Detox? erklärt die Idee dahinter, die 10 Tricks zum Durchhalten machen sie alltagstauglich. Und wer verstehen will, wie smarte Handynutzung dauerhaft gelingt, ist mit Christoph Kochs »Digitale Balance« gut beraten.

Doomscrolling ist kein Charakterfehler, sondern eine Gewohnheit, die von sehr cleverem Design gefüttert wird. Genau deshalb lässt sie sich auch wieder verlernen – ein abgeschalteter Push, ein Handy in einem anderen Raum, ein fester Schlusspunkt am Abend nach dem anderen.

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